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Matthias Zschokke: Tonleitern über drei Oktaven

„Da bemüht sich der Mensch seit Jahrtausenden, Töne so nebeneinanderzusetzen und übereinander zu schichten, wie sie vor ihm noch kein anderer angeordnet hat. Schlaflose Nächte ring er sich ab, weil er fürchtet, alles sei schon einmal dagewesen und es brauche ihn nicht mehr. Dabei könnte er sich ganz enfach nur hinsetzen und Tonleitern über drei Oktaven spielen, und jedem Zuhörer würde dabei das Herz aufgehen, Licht in den Kopf dringen, Wasser in die Augen treten und die Nase zu kitzeln beginnen.
Nachdem der Cellist, die Cellistin aus der lichten Höhe wieder hinuntergestiegen ist, kraftvoll, gelassen, Ton für Ton, erklingt nach einer großen Pause, in der viele Gedanken und Sorgen durch viele Hirne gewandert sind, erneut der tiefe Ton, mächtig, langgezogen, ohne in der Lautstärke zu schwanken, ruhig angesetzt, sanft anschwellend, stehend, verhallend, danach die nächsten Töne, diesmal chromatisch ansteigend, wieder über drei Oktaven, und ich werde noch stärker in den Bann geschlagen. Was für eine Pracht! Einzelne Töne, die sich in eine Reihe stellen, einander nicht zu überbieten suchen, die entstehen, sich in reiner Nacktheit betrachten und belauschen lassen, die niemandem kokett zuzwinkern, niemandem vertraulich zuraunen, nicht gurren, nicht betören wollen, die nur dastehen, pur, und danach ganz und gar verschwinden ohne etwas zurückzulassen.“

Matthias Zschokke: Maurice mit Huhn. Frankfurt a. M. 2008 (zuerst: Zürich 2006), S. 32 f.